Blog

Reaktionen auf: Ist es Zeit für die Ära nach Hichert?

Schön, wenn man positives, und auch kritisches Feedback zu einem Blogartikel bekommt. Besonders gefreut hat mich eine Replik als Blogartikel von Lars Schubert (graphomate), die sich wirklich ausführlich mit meinem Text auseinander gesetzt hat. Graphomates Add-Ins für das SAP Design Studio sind von der IBCS-Association zertifiziert und ermöglichen das Visualisieren nach Hicherts Notationen. Im Folgenden möchte ich auf ein paar Punkte eingehen...

Das Ende der Ära Hichert?

Ich will es nicht hoffen! Ich spreche mich für die Ära nach Hichert aus. Oder vielleicht treffender: jenseits oder darüber hinaus. Das Englische Wort beyond beschreibt es eigentlich so gut, wie es kein deutsches Wort kann.

Sehr gerne nehme ich Hicherts Notationen, Ansätze und Definitionen zur Hand. Sehr gerne schaue ich mir Seine Beispiele und Umsetzungen als Inspirationsquelle an. Sehr gerne versuche ich aber dann auch mich und meine Visualisierungen weiterzuentwickeln und permanent zu hinterfragen. Niemand sollte blind einer Notation folgen, nur weil diese vorgegeben ist. Die Welt dreht sich weiter. Und manche Situationen verlangen nach einem Ausbrechen aus diesen Notationen - oder anderen und neuen Visualisierungstechniken.

Für Finanzkennzahlen passen die IBCS Notationen hervorragend. Aber was ist mit anderen Daten und Informationen? Wie bilde ich zum Beispiel Bewegungsprofile und Migrationsströme ab, oder wie stelle ich bestmöglich Geovisualisierungen dar? Was ist mit Interaktivität, Multimedia- Dossiers und Webtechniken wie Scrollern? Darf ich trotz einem Notationskonzeptes nach Hichert Scatter Plots, Sankey Diagramme, Treemaps, Streamgraphs, Infografiken, Heatmaps oder Karten nutzen? Ich hoffe es doch! Deswegen inspirieren lassen, weiterdenken und gekonnt visualisieren.

Edward Tufte, Stephen Few und Hichert+Faisst sind radikal und kompromisslos in Ihren Ansätzen. Das müssen Sie auch, um die Glaubwürdigkeit und Richtigkeit Ihres Konzeptes zu untermauern. Das hilft einem Orientierungslosen ungemein, überhaupt einmal die Grundsätze gekonntem Information Design zu verstehen. Aber kein (Information-) Designer sollte blind diesen Definitionen folgen. Dann wäre er kein Designer mehr, sondern nur noch reduziert auf einen Ersteller.

Auch ein Auto hat Standards im Design, die sich einfach etabliert haben - Pedalanordnung, Schaltung, Türen etc. - aber sie sehen alle individuell aus und funktionieren trotzdem! Doch existieren sogar Anomalien, zum Beispiel für Linksverkehr, für extremes Gelände und verschiedene Alltagsituationen. Trotzdem setze ich mich in ein fremdes Auto und kann einsteigen und losfahren. Wenn die Grundsätze stimmen, kann auch Innovatives und Kreatives funktionieren. Damit kommen wir zum folgenden Punkt...

Informieren statt dekorieren

Darüber gibt es keine zwei Meinungen. Punkt. Die Information muss jederzeit im Mittelpunkt stehen und klar erkennbar sein. Kreativität und Individualität aber im Keim zu ersticken ist eine Bevormundung. Die Aussage "dass Kreativität in der unternehmensinternen Berichterstattung [...] keinen Platz hat", finde ich nur für willkürliche, ausschweifende und allzu künstlerische Ergüsse treffend. Wenn es sich im Rahmen von guten, reduzierten Information Design und Standards bewegt, warum kann ein Berichtersteller nicht geschmackvolle, kreative, neue, einfallsreiche Visualisierungsformen verwenden, damit seine Aussage und sein Standpunkt noch weiter unterstützt wird?

Die Bücher Information is Beautiful und Knowledge is Beautiful von David McCandless oder das "Standardwerk" Information Graphics sprühen vor Kreativität und mindestens genauso informativen wie ansprechenden Visualisierungen. David McCandless hat eigene Standards für sich definiert, die hervorragend funktionieren. Seine Visualisierungen empfinde ich als modern und zeitgemäß. Er nutzt gekonnt viele Stilmittel, Techniken, Farben, Layouts und Typografie um seine Informationen zu transportieren.

Die heutigen Business Intelligence Disziplinen umfassen auch unter anderem Data Science und (Big Data) Analysen und sind aus den klassischen Controlling/Finance Disziplinen herausgewachsen. Gerade diese neuen Disziplinen werden durch interaktive Visualisierungsformen getragen und unterstützt. Hier hat das kreative Weiterdenken schon längst begonnen und konkrete Züge angenommen.

Information Design

Hat ein Notationskonzept etwas mit Design zu tun? Im Rahmen seiner initialen Erstellung sicherlich. Wenn es stupide übernommen wird, nicht mehr. Design hat etwas mit Erschaffen, Gefühlen, Zeitgeist und seiner funktionalen Umgebung zu tun. Und vor alles hat es etwas mit der Zielgruppe zu tun. Sie bestimmt, ob das Design funktioniert, oder nicht. Bei Hichert funktioniert das sicherlich im Controlling und im Rahmen von Finanzkennzahlen. Diese Zielgruppe ist auch nicht gerade für Ihre Affinität für moderne Gestaltung, Formgebung, Interaktivität und Design Innovationen bekannt. Aber es soll doch wohl erlaubt sein, auch hier weiterzudenken? Sich auf Bewährtem auszuruhen ist eine sichere Bank. Doch gerade Design lebt davon, etwas Neues zu erschaffen, die Grenzen neu auszuloten und eigene Wege zu gehen. Beyond Hichert.

Gutes bleibt

Absolut richtig. Ich bin froh, dass es zahlreiche Vorreiter und Vordenker gibt, die gutes Berichtsdesign propagieren. In vielen Punkten, nennen wir sie mal Grundsätze oder das Gute, überschneiden sich deren Ansichten auffallend. Alles andere sind Dialekte und spezifische Ansätze, die in abgegrenzten Umgebungen sensationell und professionell funktionieren. Ich verurteile Niemanden, der diese einsetzt und vertritt. Tausendmal lieber sehe ich eine Visualisierung nach Hichert, als ein Standard Diagramm aus Excel. Doch wenn ich eine den Grundsätzen entsprechende, aber individuelle, durchdachte und gut designte Visualisierung sehe, habe ich geradezu ehrfürchtigen Respekt für die Person und dessen Kreation.

Ich hoffe, dass aus dem Guten auch etwas Besseres entwachsen kann!